Tiergesundheit zwischen Politik und Markt
BfT zieht nach Berlin: Tiergesundheit setzt auf Innovation, Prävention und weniger Bürokratie
Der Bundesverband für Tiergesundheit (BfT) verlegt seinen Verbandssitz im Juni von Bonn nach Berlin. Der Schritt steht nach Angaben des Verbands für den Anspruch, in der politischen Hauptstadt sichtbarer zu werden und Wege zu Entscheidungsträgern und Behörden zu verkürzen. Auf der Jubiläumsveranstaltung zum 40-jährigen Bestehen wurde der Umzug zugleich als Teil eines umfassenderen Wandels der Branche diskutiert – mit Blick auf Marktstrukturen, Regulierung und die Frage, wie Innovationen schneller in die Praxis kommen.
Warum der BfT nach Berlin geht
BfT-Vorsitzende Julia von Gablenz bezeichnete den geplanten Wechsel ins „Herz von Berlin“ als „starkes Signal für Vernetzung, Sichtbarkeit, Präsenz und kürzere Wege zu politischen Entscheidungsträgern und Behörden“. In der Lesart des Verbands ist der Standort damit mehr als eine organisatorische Maßnahme: Er soll die Interessenvertretung dort verankern, wo viele Weichenstellungen für Zulassung, Überwachung und Rahmenbedingungen der Tiergesundheitspolitik getroffen werden.
Welche Kräfte den Markt verändern
Den fachlichen Auftakt gestaltete Dr. Jürg Baggenstoss von der Stonehaven Cozmix Group. Er zeichnete eine Branche, deren Industriedynamik sich in den vergangenen 30 Jahren spürbar verschoben habe: stärker spezialisiert, mit einem konsolidierten Markt und einer Welle neuer Produkte.
Hinter dieser Konsolidierung stehen typischerweise Skaleneffekte – etwa hohe Entwicklungs- und Zulassungskosten sowie der Druck, Forschung, Produktion und Vertrieb international effizient aufzustellen. Für kleinere Anbieter kann das den Marktzugang erschweren, während große Akteure ihre Portfolios verbreitern und Investitionen in neue Technologien eher stemmen können. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob Innovationstempo und Versorgung in der Breite profitieren – oder ob Vielfalt und Wettbewerb unter Druck geraten.
Als zentrale Trends nannte Baggenstoss:
- Weiterer Verschiebung vom Nutztier- zum Haustiermarkt
- Veränderte Vertriebskanäle
- Fortschreitende Konsolidierung von Tierarztpraxen
- Zunehmender Einfluss von Künstlicher Intelligenz entlang der Wertschöpfungskette von Diagnostik bis zur Unterstützung tierärztlicher Arbeit
Zudem verwies er auf eine steigende Nachfrage nach finanzieller Absicherung erstklassiger medizinischer Versorgung, ein Signal dafür, dass Tierhalter im Haustiersegment stärker in Diagnostik und Therapie investieren.
Haustier- und Nutztiermarkt folgen dabei unterschiedlichen Logiken. Während im Nutztierbereich Produktivität, Seuchenprävention und Versorgungssicherheit eng mit Landwirtschaft und Handel verzahnt sind, entsteht im Haustierbereich Wachstum häufig dort, wo Betreuung intensiver wird: mehr Prävention, mehr individualisierte Diagnostik, mehr kontinuierliche Begleitung chronischer Erkrankungen. Entsprechend stellte der Verband Innovation und Prävention als zentrale Wachstumstreiber in den Mittelpunkt.
Prävention als Antwort auf Seuchen, One Health und Fachkräftemangel
Ein Schwerpunkt der Diskussionen lag auf Tierseuchen, Ernährungssicherung und Krisenresilienz. In der Debatte betonte Sandra Quintero: „Wir müssen an Tierseuchen anders herangehen und verstehen: Sie sind unberechenbar und gekommen, um zu bleiben. Deswegen ist Prävention die beste Medizin.“
Diese Perspektive wurde auch mit übergreifenden Themen verbunden: One Health, Nachhaltigkeit und Fachkräftemangel. Der One-Health-Ansatz rückt die Schnittstellen von Tier-, Mensch- und Umweltgesundheit in den Fokus – mit dem praktischen Effekt, dass Prävention nicht nur als veterinärmedizinische Aufgabe verstanden wird, sondern als Baustein für widerstandsfähige Systeme insgesamt. Für die Branche wird damit entscheidend, ob Präventionsprogramme und moderne Diagnostik so aufgestellt werden, dass sie in Praxis und Behördenalltag nicht an Kapazitätsgrenzen scheitern.
Wachstumsbremse Bürokratie: Forderung nach einheitlichen Verfahren
Wie schnell Innovation in der Fläche ankommt, hängt nach Einschätzung der Diskutierenden auch von den Verwaltungs- und Zulassungsrealitäten ab. Julia von Gablenz, Prof. Dr. Eberhard Haunhorst, Dr. Marco Mohrmann und Dr. Alexander Hinrichs diskutierten, welchen „Nährboden“ Innovationen für eine nachhaltige Weiterentwicklung brauchen. In der Runde bestand Einigkeit, dass sich die Innovationskraft von Tiergesundheitsunternehmen nur dann wirksam entfalten könne, wenn Deregulierung und Entbürokratisierung konsequent angegangen werden – und wenn die zuständigen Behörden Vorgaben einheitlich umsetzen. Für Unternehmen bedeutet das vor allem planbarere Verfahren, weniger Reibungsverluste und kürzere Zeit bis zur Markteinführung; für Tierärzte kann es den Unterschied machen, ob neue Lösungen rechtzeitig verfügbar sind oder im Prozess steckenbleiben.
Zusammenarbeit mit der Praxis: E-Leaflet als Signal der Modernisierung
Im abschließenden Panel stand die Zusammenarbeit zwischen Tiergesundheitsunternehmen und tierärztlicher Praxis im Fokus; beteiligt waren Dr. Torsten Pabst, Sandra Quintero, Dr. Katrin Langner und Dr. Maren Püschel. Wiederholt wurde betont, dass beide Seiten einander auf Augenhöhe begegnen müssten – nicht als Gegenspieler, sondern als Partner entlang einer gemeinsamen Versorgungskette.
Konkreten Zuspruch erhielt die Forderung des BfT nach einem E-Leaflet. Gemeint ist die digitale Bereitstellung von Produktinformationen zu Tierarzneimitteln, die in der Praxis schnell abrufbar und leichter aktuell zu halten ist als Papierbeilagen. In einem Umfeld, das gleichzeitig unter Zeitdruck, Dokumentationspflichten und Fachkräftemangel steht, zielt ein solcher Schritt auf einen sehr praktischen Effekt: weniger Suchaufwand, geringere Fehleranfälligkeit und schnellerer Zugriff auf relevante Hinweise zur Anwendung.
Ein Umzug mit politischer Botschaft
Zum Abschluss sagte Julia von Gablenz, die Debatten zeigten eine hohe Bereitschaft, nachhaltige Impulse für Innovation und Wachstum zu setzen. Der geplante Umzug nach Berlin bündelt damit die Kernlinien, die auf der Veranstaltung sichtbar wurden: mehr politische Nähe, bessere und verlässlichere Rahmenbedingungen, ein stärkerer Fokus auf Prävention – und ein klarer Blick auf den strukturellen Wandel im Tiergesundheitsmarkt.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- https://www.ad-hoc-news.de/wirtschaft/bonn-erfahrung-trifft-zukunft-tiergesundheit-im-wandel-unter-diesem/69306083, Redaktion ad-hoc-news.de, 11.05.2026 15:27

